Eine Metropole, über die man spricht, spricht für sich

RUHR.2010 fischt nach den schönsten Zitatschätzen über die Metropole Ruhr und die Kulturhauptstadt Europas 2010. / Foto: Grace Winter, www.pixelio.de
"Die Kritik ist leicht, die Kunst ist schwer", behauptete der französische Dramatiker Philippe Destouches (1680-1754). Doch vielstimmige Resonanz – sei es Lob oder Tadel – beflügelt die Kunst, schafft inspirierende Reibungsflächen und stärkt die Motivation, Kreatives zu leisten.
Auch ein gemeinschaftliches Großprojekt wie die Kulturhauptstadt Europas 2010 polarisiert. Die Auseinandersetzung zeigt, dass RUHR.2010 den Nerv der Zeit getroffen hat, indem die Kulturhauptstadt versucht, das Ruhrgebiet zu vernetzen und die Metropole Ruhr als neue Kulturmetropole in Europa zu positionieren. Die bereits erzielten Effekte gehen von der kulturellen Kraft der Region aus, die aus den Errungenschaften der Institutionen und Kulturschaffenden wächst und lebt - und aus dem Wandel, der hier stattfindet.
So vielfältig wie die Kultur in der Metropole Ruhr ist, so facettenreich sind die Meinungen zur Kulturhauptstadt Europas 2010. Stöbern Sie in journalistischen Schlagzeilen, Berichten und Kommentaren rund um die Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 und die Metropole Ruhr:
"Freuen wir uns stattdessen darauf, den meistgehassten Satz zwischen Hamm und Moers ein bisschen weniger oft zu hören - und irgendwann sagt bestimmt kein einziger Besucher mehr "Ui, das ist aber grün hier!" Wir können nicht nur Kultur, wir können sogar Klima - RUHR.2010 war schließlich auch eine große Maschine, die viel Wind gemacht hat. Freuen wir uns, wenn wir 2011 möglichst wenig auf Autobahnen herumstehen müssen. Und vielleicht auch auf ein Jahr voller bunter Alltagskultur, wie sie uns ans Herz gewachsen ist, zwischen Bude und Ballett, zwischen Stadttheater und Stadion."
WAZ, Jens Dirksen / 31.12.2010"Den Titel Kulturhauptstadt erringt nur, wer es schon ist. Wie beeindruckend und schön 2010 auch gewesen ist: Großartige Kultur gab es schon vorher, denn sonst wäre RUHR.2010 nie möglich gewesen. Und es wird sie weiterhin geben - auch 2011! Die Museen - vom Markt- und Schaustellermuseum bis zu Museum Folkwang und Ruhr Museum - haben auch 2011 und darüber hinaus geöffnet. Die Theater öffnen ihre Vorhänge, die musikalischen Bühnen zeigen Ballett, Opern, Konzerte. Künstlerinnen und Künstler schaffen in ihren Ateliers, bei Matinees und Lesungen, sogar auf der Straße tagtäglich neue Kunst. Jugendkultur begeistert ihr Publikum, Orte wie die Zeche Carl, die Alte Synagoge oder die Weststadthalle laden dazu ein, Kultur mit zu gestalten und zu erleben. Essen steckt voller Kultur: ob auf Stadtteilfesten oder im Grugapark, ob am Rhein-Herne-Kanal, der KulturKanal bleibt, oder auf den Halden."
WAZ / 31.12.2010"Die neue Wahrnehmung des Ruhrgebiets als Region, die sich beileibe nicht nur, aber auch durch Kultur umdefiniert, ist das wichtigste Material, welches RUHR.2010 für eine nachhaltige Weiterentwicklung geliefert hat. Allerdings ist dieses Material erfahrungsgemäß eine sehr verderbliche Ware. Nach dem Ende der viel beachteten Internationalen Bauausstellung Emscherpark 1999 hat sich intern schnell wieder viel Kirchturm-Kleinklein und Verzagtheit breitgemacht, während "draußen" in der Welt die alten Vorurteile schneller nachwuchsen als das übelste Unkraut. Das darf nicht wieder passieren. RUHR.2010 hat ein System an Netzwerken und städteübergreifenden Kooperationen ergeben, wie es in der Region nie zuvor existiert hat. Dazu Tausende Bürger, die mit Stolz sagen: "Wir sind dabeigewesen." Die finden, dass es weitergehen sollte. Doch es wäre naiv anzunehmen, die Projekte könnten ihren Schwung behalten, wenn 53 Kommunen nun wieder im alten Stil weiterwurschtelten. Es ist daher keine schlechte Idee, dem Ruhrgebiet bald ein großes Anschlussprojekt zu geben - mit neuem Thema, aber mit Kultur als tragendem Element. Ein Aufhänger könnte das 2010-Projekt "Emscherkunst" sein, das auf jeden Fall den epochalen Umbau des Emscher-Flusssystems bis 2020 künstlerisch begleiten wird. Wo das geht, geht alles."
Süddeutsche Zeitung, Martin Kuhna / 30.12.2010"Mit "Odyssee Europa", dem Festival Theater der Welt und dem Jugendprojekt "Next Generation" war Anselm Weber erst in Essen, dann in Bochum Teil der Kulturhauptstadt Europas. "Es war ein Erfolg. Alle, die rumgenörgelt haben, wurden widerlegt", zieht er Bilanz. Es sei gelungen, neue Bilder nach außen zu transportieren, weiß er um die Reaktionen seiner Kollegen aus München oder Berlin. Ein neues Wir-Gefühl auch in der Region: "Plötzlich wurde in Gremien darüber nachgedacht, ob es eine gemeinsame Zukunft geben könnte. Es war eine Euphorie zu spüren." "Still-Leben A40" nennt er als kollektives Erfolgserlebnis, weiß aber auch, dass die Katastrophe bei der Loveparade der Kulturhauptstadt viel Energie genommen hat. Anselm Weber fürchtet allerdings, dass die Kommunen trotz aller Erfahrungen nicht näher gerückt sind, ab 2011 wieder Kirchtumspolitik gemacht wird. "Die Stärke der Region ist ihre Gesamtheit." Er kritisiert zudem die katastrophale finanzielle Situation der Kulturinstitute. "Um den Schub mitzunehmen, brauchst du Geld", sagt er und: "Es ist jammerschade, dass dem Ruhrgebiet so wenig Möglichkeiten zur Verfügung stehen." Für die Zukunft sieht Weber die Politik gefordert. "Die Kulturhauptstadt kann nicht Strukturen schaffen. Das muss die Politik tun.""
Ruhr Anzeiger / 24.12.2010"Es ist etwas passiert in diesem Jahr. Der Ton auf den Straßen ist herzlicher geworden, die Blicke sind offener. Das Ruhrgebiet hat kapiert, dass es eine Region ist. Keine Metropole, wie die Marketingleute schwafeln. Aber ein Gebiet, das zusammen gehört, weil die Menschen zusammen gehören. In der Sprache des Ruhrgebietes ließen sich die Ergebnisse der Kulturhauptstadt in zwei Worten zusammen fassen: "Geht doch!""
Frankfurter Rundschau, Stefan Keim / 18.12.2010"Nach solchen Mammut-Projekten, wie dem Kulturstadtjahr, bleibt häufig nicht mehr übrig, als ein großer Berg Schulden. Wie es auch anders gehen kann, dass haben die Macher von RUHR.2010 gezeigt. Erstmals präsentierte sich eine ganze Region. Eine Region zudem, die vorher wohl mit allem Möglichen in Verbindung gebracht wurde - aber nicht mit Kultur. Mit ihren verschiedenen Projekten ist es den Machern aber gelungen, dies zu ändern. Es war die Mischung aus Hochkultur und Massentauglichkeit, die dazu beigetragen hat, dass auch die Bewohner des Ruhrgebiets begeistert an "ihrem" Kulturhauptstadt-Jahr teilgenommen haben. Und offenbar ist auch für Nachhaltigkeit gesorgt. Denn Organisationschef Fritz Pleitgen plant bereits ein nächstes Großprojekt. Thema könnte dabei der Klimaschutz sein. Im Ruhrgebiet werde derzeit ohnehin ein Modellprojekt "Innovation City" geplant. Das geschaffene Netzwerk müsse weiter genutzt werden, sagte Pleitgen. Und: "Das Ruhrgebiet hat sich Respekt verschafft." In der Tat."
Südthüringer Zeitung Schmalkalden / 18.12.2010"Kulturhauptstadt können wir ja von mir aus jedes Jahr wieder machen. Aber dann bitte nicht mehr mit Fritz Pleitgen. Ich habe persönlich ja nichts gegen den Mann, aber irgendwie hat er aus feiner Zeit als Moskau-Korrespondent eine Art Dauerfrostschaden mitgebracht und schleppt Frauen an, die Petra oder Daisy heißen und von Beruf arktische Tiefdruckgebieterin sind. So schließt sich das Eis, und Auftakt und Finale dieses Kulturhauptstadtjahres enden in Schnee und Frost. Immer noch besser als im Frust. So ist's am Samstag in Gelsenkirchen, wie es schon im Januar in Essen war. Unten weiß, oben schwärz, vorn schön bunt und bewegend. Das ist ja auch eine der infamen Methoden der Kulturhauptstadtmacher: Man kann die Ruhrgebietsmenschen zum Tanzen bringen, weil sie sich ja notgedrungen zu jeder Musik bewegen. Sonst stünden sie noch heute vor der Zeche Nordstern (dieser Name auch noch!), festgefroren wie der Herkules da oben auf dem Turm. Zum Glück kann man sich leicht erwärmen für die beeindruckende Schau von Gil Mehmert zum Finale, der wieder mit viel Feuerwerk und Fassadenkletterern, mit Percussion und Pathos ein Spektakel inszeniert, für das man mehr Augen und Ohren haben möchte als nur "das übliche Paar", er macht große Bilder, vermutlich auch fürs große Fernsehen, immerhin 220 000 gucken am Bildschirm des WDR zu. Dieses Mal verwandelt er die Zeche Nordstern in ein Schiff, einen rostigen Dampfer und lässt diesen noch einmal durch das Jahr 2010 fahren. Und wir lernen vor allem: Das Kulturhauptstadtjahr hat eine starke erste Halbzeit gespielt und in der zweiten Hälfte dann eher die Gäste kommen lassen."
Neue Rhein Zeitung, Stephan Hermsen / 20.12.2010"Surrealismus und Kolportage mischen sich in Werfeis Text. Die Szenerie ist düster, wirkt klaustrophobisch, man mag an eine Erzählung Edgar Allan Poes denken. Henze, der sein Werk als Denkmal für alle Ausgestoßenen und Verfolgten sehen will, spart nicht an dunkel-dräuenden Sequenzen, die die Welt des Fremden illustrieren. Im Kontrast dazu steht die lyrische Welt des Hundes, dessen Tod mit sphärischen Klängen verdeutlich wird. Geradezu burlesk wirkt der Auftritt des Polizeiinspektors - man meint, Rossini zu lauschen. Hübsch auch der Kunstgriff, die szenischen Anweisungen von einem Vokalquartett singen zu lassen - als wär's ein Stück von Kurt Weill. Das alles spielen die Bochumer Symphoniker unter Steven Sloane engagiert, stilsicher, mit hohem Maß an Expressivität."
Neue Rhein Zeitung, Martin Schrahn / 20.12.2010Weitere Informationen zum Henze-Projekt
"Schrilles Spektakel an den Grenzen der Schwerkraft: Im Theater gewesen und nicht einmal auf die Uhr geschaut, das ist selten. Doch die jungen Wilden von "Urbanatix" entfachen in der Bochumer Jahrhunderthalle ein solch schrillbuntes Spektakel aus Akrobatik, Street-Art und Pfiff, dessen enormer Energie sich niemand entziehen kann. […] Bei elf Shows wird bis 19. Dezember wieder alles geboten, was die gestählten Körper der Athleten hergeben. Teils sind es Profis, teils junge Leute aus der Region, die sich mit Liebe und Enthusiasmus an waghalsige Disziplinen wagen: Breakdance, Flic-Flac, Parkour oder der Tanz auf dem BMX-Rad. Das alles mit scheinbar müheloser Leichtigkeit. Der Zuschauer wird nicht nur bestens unterhalten, er wird förmlich erschlagen von all den bunten Bildern und Nummern, die Regisseur Christian Eggert mit dem Choreographen Takao Baba auf die Bühne wuchtet. Die 50 jungen Artisten bilden ein erstaunliches homogenes Ensemble, die Show läuft ab wie ein Schweizer Uhrwerk. Getrieben von stampfenden Beats erschaffen sie ein blitzschnelles Schauspiel gespickt mit unzähligen Referenzen aus der Popkultur. Dabei überschlagen sich die Ereignisse: Es wird geturnt, gepoltert und gerappt. Die Grenzen der Schwerkraft werden immer wieder neu ausgelotet: ob an zwei Stangen, auf dem Trampolin oder auf dem Kopf des Mitspielers. Besondere Momente gelingen dem Berliner Akrobaten Eike von Stuckenbrok bei einem anmutigen Tanz auf einer Schaufensterpuppe und der kanadischen Künstlerin Sarah Lett am Vertikaltuch. Während sie federleicht im Spagat durch die Halle schwebt, erstrahlen auf Leinwänden hinter ihr die gelben Ballons der "Schachtzeichen". Neu im Programm ist zudem eine grazile Unterwasserszene. Nach 90 Minuten verabschieden sich die Artisten unter stehenden Ovationen von ihrem Publikum, die Halle tobt. Schade, schon vorbei."
WAZ, Sven Westernströer / 13.12.2010Weitere Informationen zu URBANATIX
"With more than eight million visitors so far and a month left to run, RUHR.2010 is likely to overtake Liverpool 2008 as Europe's most popular cultural capital season so far. The number of foreign visitors has nearly doubled, with the British and the Dutch leading a crowded international field. So why has the festival succeeded in such an improbable place? (...) Ultimately, however, the success of RUHR.2010 is not down to architects or curators - it's a feat of imagination by the people who really matter: those eight million paying punters who travelled here this year, confounding all predictions that RUHR.2010 would fail. The derelict buildings of Europe's rust belt have become its most vibrant modern arts venues but they would be empty without an audience alive to arts events that reflect the way we live today."
newstatesman.com / 09.12.2010"Eine Punktlandung hat die RUHR.2010 mit den Finanzen hingelegt. Der 61,5 Millionen Euro-Etat ist verbraucht. Nicht mehr und nicht weniger. Das Abschlussfest am 18.12. in vier Städten wird aus dem Verkauf der 20.000 Still-Leben-Tische finanziert. Dafür hatte die RUHR.2010 eine Risikorücklage (einen sechsstelligen Betrag) hinterlegen müssen, die sie auflösen durfte, nachdem alle Tisch unversehrt geblieben sind. Und auch der Erlös aus dem Verkauf des Still-Leben-Bildbandes, der in der ersten Woche bereits 4.529 Mal über die Ladentheken ging, fließt ins RUHR.2010-Finale. Etwas verrechnet hat sich die GmbH dann aber doch: bei der Zahl der Veranstaltungen. Da hat sie bislang 2.500 gezählt, jetzt sind es 5.500. Weil die Konzerte beim Day of Song oder die SchachtZeichen-Feste in den Städten bislang nur als je ein Programmpunkt gezählt wurden."
Halterner Zeitung / 08.12.2010Weitere Informationen zum Still-Leben-Bildband "EinTag wie noch nie!"
"Der Himmel von Abgasen verdunkelt, verrußte Wäsche im Vorgarten, Schlote und Kohlenhalden so weit das Auge reicht. So sah lange das Klischee des Ruhrgebiets aus. Und vielleicht bedurfte es wirklich eines Kulturhauptstadtjahres, um dieses Bild zu korrigieren. Dabei tummeln sich zwischen Ruhr, Rhein und Lippe Lebens- und Kulturformen, die schon wahre Verkaufsschlager waren, als das Wort Kreativwirtschaft noch keiner kannte. Eine dieser Szenen ist kaum zu übersehen - und keinesfalls zu überhören. Darin spielen Bands mit Namen wie Sodom, Grave Digger, Rage oder Kreator eine Rolle. Und Firmen wie Century Media oder Gun Records sowie Fach-Magazine wie der einst in Dortmund beheimatete Metal Hammer oder das Rock Hard. Sie haben großen Anteil daran, dass die einst belächelte Heavy-Metal-Bewegung einen festen Platz in der populären Kultur hat."
Welt am Sonntag, Tom Küppers / 05.12.2010"Man kann es kaum glauben: Wir fahren durchs Ruhrgebiet und sehen die aufgelassenen Bergwerke vor Bäumen nicht. Überall verdichten sich gründerzeitliche Häuser- und Villenfassaden zu einem architektonischen Gesamteindruck, der dem Gestaltungswillen der Väter die Banalität der sechziger und siebziger Jahre gegenüberstellt. Dabei verhüllt oft dichtes Blattwerk - etwa die ehemaligen Arbeiterhäuser der Margarethenhöhe in Essen - die eisernen Relikte aus der Zeit von der Industrialisierung bis in die sechziger Jahre. Einige wenige Fördertürme ragen heraus, und hin und wieder streckt sich am Ufer ein Kunstwerk aus dem Gestrüpp, um zu zeigen, was die Industriemetropole von einst heute ist: eine Region im Wandel, und, seit Januar 2010 europäische Kulturhauptstadt."
Dolomiten - Südtiroler Zeitung / 04.12.2010"Tolle Anerkennung für die Essener Philharmoniker: Ihre unter Stefan Soltesz eingespielte CD mit der Aufnahme von Alban Bergs "Lulu"-Suite und Hans Werner Henzes "Appassionatamente plus" wurde jetzt für den Grammy nominiert. Das Werk geht in der Kategorie "Classical Contemporary" ins Rennen. Der Grammy gilt als der bedeutendste internationale Schallplattenpreis. Die CD wurde anlässlich der RUHR.2010 produziert."
BILD / 04.12.2010Weitere Informationen zu Hans Werner Henzes "Appassionatamente plus"
"Das hätte das strahlendste Kölner Kulturjahr aller Zeiten werden können. Nichts als Feiern und Feste im Rhythmus der vier Jahreszeiten. Mit ein bisschen gutem Willen und ein wenig Glück hätte das schon klappen können. Doch ein vorerst letztes Mal muss Salz in die Wunde rieseln: Schon in der Vorrunde fiel Köln, das sich als sicherer Sieger wähnte, aus dem nationalen Wettbewerb um die deutsche Kulturhauptstadt Europas heraus. Essen errang stattdessen den Pokal fürs Ruhrgebiet. Nach dieser Enttäuschung wurden bald Trostpflaster ausgegeben. Gewiss werde das internationale Aufsehen für "RUHR.2010" auch auf Köln ausstrahlen, hieß es. Und selbstverständlich werde Köln mit dem Revier kooperieren, um die Besucherströme in die größte Stadt des Bundeslandes zu lenken. Hat jemand etwas davon bemerkt? Tatsächlich war nichts anderes zu beobachten als kölsches Phlegma. Das Entsetzen über den Archiv-Einsturz und die Aufwallungen um das Opernquartier haben offenbar alle Kreativität erschöpft. Statt das Kulturhauptstadt-Jahr in der Nachbarschaft zu nutzen, um das eigene Kulturprofil zu schärfen und ins rechte Licht zu rücken, blieb die Stadt beim Weitermachen-wie-bisher. Die Colonia, die sich auf eine römisch-kaiserliche Gründung berufen kann, ist sich ja gerne selbst genug. Doch ist es heute mehr denn je geboten, Netzwerke zu knüpfen und Verbündete zu finden. Die Versuche der Vergangenheit, konzertierte Aktionen auf der Rheinschiene zu starten, sind zwar alle mehr oder minder krachend gescheitert. Doch werden - so ist zu befürchten - die Kulturetats sobald nicht steigen. Und schon gar nicht so schnell steigen wie die Kosten. Da hält sich, wer klug ist, alle Optionen offen und nutzt jede Chance zu sinnvoller Kooperation. "RUHR.2010" war so eine - Köln hat sie ignoriert."
Kölner Stadt-Anzeiger, Martin Oehlen / 04.12.2010"Drei Regierungsbezirke umfasst das Ruhrgebiet, vier Landkreise und elf kreisfreie Städte. Nur der Besucher hat da den Eindruck durch eine einzige, riesige, Stadt zu fahren, durchzogen von erstaunlich viel Wald und Grünland. Für den Gelsenkirchener, Essener oder Dortmunder dagegen bedeutete das Ortsendeschild zumeist das Ende seiner Welt. So etwas wie ein gemeinsames Ruhrgebiets-Gefühl gab's nicht. Im Gegenteil: "Wenn die Leute von hier früher im Urlaub gefragt wurden, wo sie herkommen, antworteten sie meistens ausweichend mit: aus der Nähe von Düsseldorf oder Köln", erzählt der Journalist Thomas Selle, selbst Spross einer Kumpel-Familie aus Gladbeck. Insofern war es schon eine Überraschung, als Essen in seine Kulturhauptstadtbewerbung plötzlich alle 53 Städte aus dem Pott mit einbezog: "Essen für das Ruhrgebiet". Ein richtiger Coup, das gibt der Pressesprecher von RUHR.2010, Marc Oliver Hänig, gerne zu. Weil damit im Grunde auch die Auswahlkriterien der Europäischen Union, denen zufolge keine Region, sondern nur eine Stadt den Titel bekommen kann, unterhöhlt wurden. Aber zum einen hat man im "Unterhöhlen" rund um Ruhr und Emscher anderthalb Jahrhunderte Erfahrung. Und dann "sind die Zweifel allenthalben Respekt und Anerkennung gewichen", so Hänig. Denn dass am Ende von RUHR.2010 eines neues Wir-Gefühl steht, das hört man in diesen Tagen immer wieder, wenn man mit Verantwortlichen und mittel- bis unmittelbar Beteiligten spricht. So viel Kooperation war noch nie im Revier."
Badische Zeitung Online / 04.12.2010"Seit über einem Monat rattert der goldene Melez-Zug nicht mehr auf den Schienen des Ruhrgebiets. Schade! Die Waggons waren immer prall gefüllt mit Publikum und mit unberechenbaren, unglaublichen und berührenden Programmpunkten: türkisch-griechische Sprachkurse im Zugabteil, Liebeslieder von Passanten, russischer Jazzpunk auf der Fahrt von Dortmund nach Dortmund ... Jetzt herrscht wieder die Anonymität auf der oft quälend langen Verbindungsachse der länglichsten Metropole des Planeten. Die Reisenden sind autistisch beschäftigt mit ihren elektronischen Begleitern, die Ohren verstöpselt, die Finger an Tasten und den Blick auf Displays geklebt. Viele fliehen dieser Monotonie, indem sie sich mit ihrem Auto in das A40- Still-Leben stürzen. Dabei ist der Beweis erbracht worden, dass es auch anders geht. Melez ließ das Reisen wieder zu einem Ereignis werden. Melez war nicht so elitär wie eine Kreuzfahrt durch die Karibik und nicht ganz so beliebig wie die Kulturschaffenden in den U-Bahnen von Berlin, Paris, London oder New York, die während der Fahrt zwischen zwei Stationen ein paar Münzen bei den Fahrgästen einsammeln. Der goldene Zug darf also auf dem Abstellgleis vergammeln. Nur beherzte Veranstalter sind noch zu finden. Dann wäre an jedem Wochenende der Melez-Zug wieder unterwegs. Er würde die Ausflügler und Nachtschwärmer transportieren und einstimmen auf ihre Erlebnisse in der spannendsten Region von der ganzen Welt."
Trailer, Lutz Debus / 01.12.2010Weitere Informationen zu MELEZ
"Die Mieter sprühen vor Elan und vor Ideen. "Wir können uns jetzt noch stärker im Viertel einbinden, werden jetzt noch stärker akzeptiert", sagt Volker Polühke. Er plant mit einigen anderen Bewohnern ein "Sozialunternehmen", das Dienstleistungen und Talente unter Nachbarn vermittelt. Hilfe zur Selbsthilfe, die sich auch noch finanziell selbst trägt, ist das Ziel. Isabelle Reiff und Klaus Heß haben eine Mieterzeitung im Kopf, "mit all den verrückten, fantasievollen Geschichten, die hier in der Nordstadt passieren". Leer stehende Wohnungen sollen wahlweise als Galerien, Mini-Hotels mit Show-Kochen oder Theaterbühnen benutzt werden. Aus "2-3 Straßen", das der Künstler Jochen Gerz für das Kulturhauptstadtjahr entwickelte, ist längst ein Projekt "Borsigplatz 2011" geworden."
Ruhr Nachrichten, Felix Guth / 01.12.2010Mehr zu 2-3 Straßen
"Vertreten sind letztlich 29 Unternehmen mit 83 Werken von 72 Künstlern. Und das Ergebnis zeigt: Die Konsequenz in der Auswahl hat sich ausgezahlt. Die Ausstellung, eines der letzten Ruhr2010-Projekte, funktioniert. Exquisite, in der Öffentlichkeit nie gezeigte Einzelstücke, sind hier zu lockeren Themengruppen arrangiert. Die Zusammenstellung überrascht, die Vielfalt inspiriert. [...] Die Ausstellungsbesucher werden verführt zum Rätselraten; ihr Blick geht vom Bild zum Schildchen und zurück. Wer sammelt was - und warum wohl? An dieser Stelle bleibt der Kunstvoyeurist unbefriedigt. Wer erwartet hat zu erfahren, in welchem Umfeld das Werk im Unternehmen hängt, In-situ-Fotos und vielleicht ein persönliches Statement der Chefs oder Mitarbeiter, das ihre Beziehung zum Kunstwerk offenlegt, wird enttäuscht. Auch der geplante Katalog mit Infos zum"Making of" der Ausstellung und kunsthistorischen Werkanalysen leistet keine Aufklärungsarbeit. Zu unterschiedlich die Vorgaben der Unternehmen... So rettete man sich in eine schöne Idee, den Texttafeln an den Werken neben Titel und Sammlungsnamen noch ein erhellendes Künstler-Zitat beizufügen und den Betrachter damit auf eine assoziative Reise zu schicken."
HEINZ Magazin / 01.12.2010Mehr zur Unternehmensgalerie Ruhr
"Die Regisseure brechen die Erzählungen ihrer Protagonisten geschickt auf, wechseln sie mit anderen Darstellungsformen und Themen ab, die aber immer einen Bezug zu der Erzählung über die Müllsammler haben. Der Karagöz-Spieler Hasan Hüseyin Karabag ist in das Bühnengeschehen integriert mit seinem lustigen Schattentheater, das unserem Kasperltheater gleicht. Er baut die anderen vier Experten als Figuren in sein Spiel ein und macht sich über ihre Geschichten lustig. Die wirkungsvolle Soundebene blendet seismografische Geräusche von türkischen Erdbebenstationen ein, ein dumpfes Brummen, das den Zuschauer in die Geschichten hineinzieht und sie zugleich als risikobehaftet ausweist. Einige Sammler erzählen von Beben, die sie erlebt haben. Am Ende steht ein komplexes und anrührendes dokumentarisches Erzähl-Bild über ein Stück Realität, das nur wenigen seiner westlichen Betrachter dort, wo Rimini-Protokoll mit dem Stück auftreten, vorher bekannt gewesen sein dürfte. Ein dramaturgisch wohl komponierter Abend, aufklärerisch ohne Zeigefinger, unprätentiös, humorvoll."
die tageszeitung, Alexander Haas / 30.11.2010Mehr zum Rimini-Protokoll
""2-3 Straßen" ist eine Idee des Konzeptkünstlers Jochen Gerz. Realisiert wird sie im Rahmen der Europäischen Kulturhauptstadt Ruhr.2010 und stellt deren vielzitiertes Motto "Wandel durch Kultur" wie kein anderes Projekt auf die Probe. Die ausgewählten Straßen in Dortmund, Duisburg und Mülheim an der Ruhr liegen allesamt in so genannten sozialen Brennpunkten. Mit Kulturangeboten kommt man hier nicht weit, weshalb das eigentiiche Kunststück des Projekts in seiner unvorhersehbaren sozialen Dynamik liegt. Den aktuellen Diskussionen um parallele Gesellschaften, aktive Integration und bürgerliches Engagement ist Gerz den entscheidenden Tick voraus. Nicht nur das Ruhrgebiet, sondern das ganze Land sollte darauf schauen, was im sozialen Laboratorium der "2-3 Straßen" geschieht."
Frankfurter Rundschau / 30.11.2010Mehr zur 2-3 Strassen
"Abdullah, Aziz, Bayram, Hasan und Mithat - fünf Männer aus der Provinz sammeln Müll in Istanbul. Sie machen das wie Hunderte junger Männer, um zu überleben. Sie verkaufen es an große Recycling-Firmen und ernähren mit dem Gewinn ihre Familien in einem ostanatolischen Dorf. Sie sind zwar nicht glücklich, haben sich aber arrangiert und genießen die Freiheit zu arbeiten oder in ihr geliebtes Dorf zurückzukehren. Das zumindest erzählen sie in "Herr Dagacar und die goldene Tektonik des Mülls". Die beeindruckende und zum Nachdenken anregende Performance wurde bei ihrer Deutschland-Premiere in Pact Zollverein stürmisch gefeiert. [...] Sie reden authentisch, aber auch mit Distanz zu ihrem Schicksal. Sie tanzen in den Müllbergen, lachen, wenn sie ihre Berufskleidung karikieren oder wenn sie von den ersten Proben mit "Rimini-Protokoll" erzählen. Leichte Ironie bewahren sie selbst dann, wenn sie vorrechnen, was sie mit der Schauspieler-Gage zu Hause alles finanzieren können und bewahren so die Performance davor, in Betroffenheits-Duselei abzugleiten."
WAZ, Michael-Georg Müller / 29.11.2010Weitere Informationen zum Rimini-Protokoll
"Satte fünf Tage Musik - die 17. Jazztage Dortmund haben einiges im Angebot. Und mit RUHR.2010 einen neuen Partner. Gleich zum Festivalauftakt präsentierte die Förderplattform "jazzwerkruhr" mit Unterstützung der Kulturhauptstadt zwei spannende Projekte. Beide sind aus derselben Idee entstanden: unterschiedlichste Jazzmusiker in einer Band zusammenbringen und gemeinsam ein Programm erarbeiten lassen. Bei der "Bundeswerkstatt Jazz" waren das ausschließlich deutsche Musiker, die im "domicil" den Abschluss einer kleinen Deutschlandtour hatten. Der Kölner Saxofonist Denis Gäbel und der bislang in Essen beheimatete Schlagzeuger Bernd Oeszevim vertraten die NRW-Farben. Das Sextett mit drei Bläsern spielte einen frischen, modernen Jazz, gespeist aus Kompositionen der Beteiligten. Gabriel Coburgers Stück "Rost" etwa blies selbigen mit energie- und druckvollem Powerplay förmlich weg. Expressiv präsentierten sich die Saxofonisten Coburger und Gäbel, aber alle sechs Beteiligten bestachen mit geschmackvollen Momenten und schönem Zusammenspiel. Noch ein wenig ausgereifter die Fünf von der "jazzplayseurope Werkstatt", dem europäischen Pendant zur Bundeswerkstatt Jazz. Der deutsche Pianist Oliver Maas oder die in Holland lebende Schweizer Sängerin Kristina Fuchs - diese Band war durchweg mit vorzüglichen Solisten bestückt und bestach als interaktive, homogene und klangvielfältige Gruppe."
Westfälische Rundschau, Christoph Giese / 27.11.2010Weitere Informationen zum jazzwerkruhr
"1985 hatte Hans Werner Henze seine Bearbeitung von Monteverdis Partitur- Torso vorgelegt. Im Gegensatz zu den Gepflogenheiten der gut informierten historischen Aufführungspraxis entschied sich Henze bei seiner "freien Rekonstruktion" aber nicht für eine Besetzung mit Originalinstrumenten, sondern für ein modernes Orchester samt Akkordeon, elektrischer Gitarre und Banjo. Darauf mussten sich die auf den Sound von Barocktrompeten und Theorben geeichten Ohren erst einmal einstellen bei der konzertanten Aufführung durch das von Brad Lubman geleitete WDR Sinfonieorchester Köln. Durchaus reizvoll umkreiste Henze die überlieferten Vokalpartien mit bisweilen neo-klassizistischer Konturiertheit. Auf Dauer jedoch löste er die musikdramatischen Binnen-Spannungen allzu sehr in einer Art barockem Verismus auf, der nicht selten zähmassig wirkt. Rückblickend entpuppt sich Henzes Beschäftigung mit dieser Epoche der Musikgeschichte eher als kurzer Flirt denn nachhaltige Liebesbeziehung."
Frankfurter Rundschau, Guido Fischer / 27.11.2010Weitere Informationen zum Henze-Projekt
"Trotz des Finales und trotz Weihnachten ist das Kulturhauptstadtjahr mit der Feier keineswegs beendet. So werden sich noch bis Jahresende weitere Städte als Local Heroes präsentieren, und mehrere Ausstellungen laufen weit bis ins nächste Jahr hinein. Auf welche Weise RUHR.2010 "nachhaltig" weiterwirkt, ist in diesen letzten Wochen von RUHR.2010 Gegenstand intensiver Überlegungen. Die Feier am 18. Dezember jedenfalls wünschen sich die 2010-Macher nicht als bloßen Abgesang, sondern als "Finale mit Perspektive"."
Süddeutsche Zeitung, Martin Kuhna / 26.11.2010Weitere Informationen zum RUHR.2010 - Das Finale
"Ein Kurzurlaub in Essen? Vor einem Jahr noch wäre das wohl kaum jemandem in den Sinn gekommen. Jetzt hat das Ruhrgebiet begonnen, sich als Reiseziel zu etablieren. Erstmals war hier eine ganze Region Kulturhauptstadt Europas. Ein Experiment, das - trotz Anlaufschwierigkeiten - geglückt ist. Nach Westberlin 1988 und Weimar 1999 ist das Ruhrgebiet die dritte deutsche Kulturhauptstadt - und die besucherstärkste überhaupt. Die 52 Städte präsentierten sich unter in mehrfacher Hinsicht schwierigen Bedingungen als sympathisch bodenständige Kulturbotschafter, die wissen: Der Pott ist weder schön noch glamourös, aber authentisch und spannend durch sein reiches Erbe der Industriekultur. Dessen Pflege in den Mittelpunkt der Kulturhauptstadt-Aktivitäten zu stellen, war ebenso naheliegend wie zukunftsweisend. Jetzt kommt es darauf an, dass die Städte auch weiterhin mit gemeinsamen Programmen und (Verkehrs-)Verbundtickets an einem Strang ziehen, damit die Kulturhauptstadt-Begeisterung kein Strohfeuer bleibt."
Nürnberger Nachrichten, Birgit Ruf / 26.11.2010"Das große Monument, das Denkmal, das von der Kulturhauptstadt 2010 bleiben wird? […] In der Region, die das eine, alles repräsentierende Wahrzeichen weder hat noch haben will, wird es der 18. Juli 2010 sein, der bleibt: das "Still-Leben" auf der A 40 und die Erinnerung der Millionen Menschen, die zwischen Fahrradstau und Mitmachschau flanierten, fotografierten, filmten. Es war dieser Tag, an dem die Menschen des Reviers wie seit Jahrzehnten eingeübt eine einmalige Chance ergriffen, als sie da war. Sie haben sich den Raum, der sonst eine der wenigen echten "No go-Areas" im Lande ist, angeeignet und zum Lebensraum gemacht. Dass die frühere B 1 und heutige A 40 einen erzählfreudigen Symbolwert für das Ruhrgebiet und seine Bewohner hat, offenbarte noch mehr die eigenwillige Kunstausstellung "Die Schönheit der großen Straße", die von den deutschen Kunstkritikern zur "besonderen Ausstellung des Jahres" gewählt wurde. Es war Kunst zwischen Happening und sozialer Feldforschung, nicht immer schön, aber zum Staunen: 22 Projekte machten sichtbar, wie viel Revier-Leben hinter der Lärmschutzwand, in lauter Nachbarschaft zur Autobahn stattfindet. […] Offenbart hat die Ausstellung die Qualitäten der Ruhrgebietsmenschen, die noch schwierigsten Nachbarschaften Lebensqualität abgewinnen, die flexibel auf Unbeständigkeit und Zusammenbrüche reagieren."
WAZ, Jens Dirksen / 22.11.2010Weitere Informationen zu Still-Leben Ruhrschnellweg und B1 A40 - Die Schönheit der großen Straße
"Noch ein paar Wochen, dann ist Schluss mit der Europäischen Kulturhauptstadt im Ruhrpott. Im Dezember endet das einjährige Festival "RUHR.2010" mit einem großen Finale. Und dann? Schluss, aus und vorbei? Beileibe nicht. Die über 300 Aktionen, wie das "Still-Leben" auf der Stadtautobahn oder die gelben Helium-Ballons über den 311 Kohleschächten, haben Bilder und Gefühle hervorgebracht, die in den Menschen in der vom Strukturwandel gebeutelten Kohle- und Stahlregion eine neue, stolze Identität geweckt haben. […] Bevor am 18. Dezember das große Finale über die Bühne geht, reiste in dieser Woche eine vierzigköpfige Delegation aus der Metropolregion Rhein-Neckar nach Essen, Dortmund und Gelsenkirchen. Ihr Ziel: Aus den Erfahrungen und Fehlern der Macher von "Kulturhauptstadt 2010" zu lernen und dann zu entscheiden, ob es sich für die Metropolregion lohnt, sich für den Titel "Kulturhauptstadt 2020" zu bewerben. […] Um es vorweg zu nehmen: "Es lohnt!" Diesen Eindruck brachten die Kulturdelegierten aus Heidelberg, Mannheim und Ludwigshafen mit."
Rhein-Neckar-Zeitung, Gaby Booth / 20.11.2010"Die Tourismusbranche in Nordrhein-Westfalen ist im Aufwind. In den ersten neun Monaten des Jahres verbuchten Hotels und Campingplätze fast 31,5 Millionen Übernachtungen. Das waren 3,8 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum 2009, wie das Statistische Landesamt mitteilte. Vom Kulturhauptstadt-Jahr profitierte das Ruhrgebiet. Mit 4 Millionen Übernachtungen rückte das Revier hinter Teutoburger Wald (4,9 Millionen Übernachtungen) und Sauerland (4,5 Millionen Übernachtungen) auf Platz drei der Regionen des Landes."
Welt kompakt / 19.11.2010"Die Nachfrage nach Kulturangeboten und Events sorgte für Wachstum in den Städten: Allein in den 82 deutschen Großstädten mit mehr als 100.000 Einwohnern stieg die Zahl der Übernachtungen im August 2010 um 10 Prozent auf 9,9 Millionen. Auch das Ruhrgebiet konnte im Jahr der Europäischen Kulturhauptstadt vom Trend des Städte- und Kulturtourismus deutlich profitieren. Allein bis Ende Juli begrüßten die Hotels und Pensionen im Revier über 1,9 Millionen Gäste - 14,1 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Zuwachs bei den Ankünften liegt damit deutlich über dem NRW-Landesdurchschnitt von 7,4 Prozent. Auch die Übernachtungen stiegen deutlich auf 3,3 Millionen. Das entspricht einem Plus von 11,5 Prozent, während es auf Landesebene 3,3 Prozent mehr waren."
reisenews-online.de / 18.11.2010"RUHR.2010 macht's möglich: In diesem Jahr besuchen so viele Touristen wie nie zuvor Nordrhein-Westfalen. Damit die Lust auf das "Reiseland NRW" nicht vergeht, fördert die Landesregierung 56 ausgewählte Tourismus-Projekte mit 43 Millionen Euro. Zu den Siegern im Tourismuswettbewerb "Erlebnis.NRW" gehört auch das Ruhrgebiet. Die Ruhr-Tourismus-GmbH bekommt rund 1,9 Millionen Euro für ihr Projekt "ExtraSchicht - die Nacht der Industriekultur". Für die Vermarktung von 18 Ruhrgebiets-Kunstmuseen fließen weitere 800 000 Euro."
Westfälische Rundschau, Matthias Korfmann / 17.11.2010Weitere Informationen zu ExtraSchicht, KulturKanal und RuhrKunstMuseen
"Das waren noch Zeiten! Als Schalke 04 und den BVB noch nicht - zumindest tabellenmäßig - Welten trennten, als Bochum noch nicht in der zweiten Liga kickte, sondern alle drei großen Revierclubs Europas Fußball aufmischten. 1997 war so ein denkwürdiges Jahr: Borussia Dortmund holte die Champions-League, die "Eurofighter" von Schalke 04 den langersehnten Triumph im UEFA-Cup - und selbst Bochum qualifizierte sich erstmals für den europäischen Wettbewerb. Das Ruhrgebiet schwelgte im historischen Fußballerfolg - das Revier als einig Fußballland. Genau diese goldenen Zeiten lässt RUHR.2010 am vierten Advent im Bochumer rewirpower-Stadion wieder aufleben: Die Stars der damaligen Mannschaften streifen noch einmal das schwarz-gelbe, königsblaue oder blau-weiße Trikot über und messen sich in einem Turnier für den guten Zweck. Derbyzeit mal anders!"
ruhrportal.de / 17.11.2010Mehr zum SuperPott 2010
"Industriekultur und Kunst, das sind keine Gegensätze, sondern Bereiche, die sich wechselseitig spannend ergänzen. So lautete das Ergebnis der Kunstreise des Nördlinger Kunstvereins, die kürzlich in die diesjährige europäische Kulturhauptstadt nach Essen und ins Ruhrgebiet stattfand. Eine große Teilnehmerschar hatte auf dieser Fahrt Gelegenheit, die Veränderungen des einstigen "Ruhrpotts" zu einer lebendigen und aufstrebenden Kunst- und Kulturregion von internationaler Bedeutung zu erfahren. Besonders beeindruckend waren die architektonischen Zeugnisse der einstigen Montanindustrie, die Hochöfen, Gaskessel, Industrieanlagen, die mittlerweile kulturell umgenutzt für jedermann zugänglich sind, sei es als Ausstellungshallen oder Industriedenkmäler: vom Oberhausener Gasometer über das stillgelegte Hüttenwerk im Landschaftspark Duisburg Nord zum Museum Küppersmühle im von Stararchitekt Norman Forster umgestalteten dortigen Hafen bis zum Weltkulturerbe Zeche Zollverein in Essen mit Schachtanlagen, Kokerei und Kohlenwäsche."
Augsburger Allgemeine online / 16.11.2010"Das Ruhrgebiet präsentiert sich während der Kulturhauptstadt-Zeit als Einheit. Nach dem Jubeljahr soll die Region nun mit Hilfe von Kunst, Kultur und Kreativität ihre Kleinteiligkeit weiter überwinden. Für die hochverschuldete und von hoher Arbeitslosigkeit geplagte Gegend eine Chance: Denn nachdem der Bergbau als Ansiedlungsmotiv Vergangenheit ist, müssen neue Impulse die Zukunft sichern. […] Der Ruhrpott gilt als zerfasert und nur mit Kumpelcharme und Zechennostalgie gesegnet, ist arm und dabei alles andere als sexy. Kultur erschöpfe sich hier, so das Vorurteil, im Singen vom Steigerlied. Viele fanden es daher größenwahnsinnig, dass der Kohlenpott sich als Kulturhauptstadt 2010 bewarb. Durch den Trick, erst nur Essen ins Rennen zu schicken und die gesamte Region nach erfolgtem Titelgewinn mit ins Boot zu holen, haben nun 53 Städte der Gegend von den Veranstaltungen und Initiativen der RUHR.2010 profitiert. Obwohl eine interkommunale Liebesheirat anders aussieht, ist das Ruhrgebiet durch die Erfordernisse der kulturellen Zwangsehe zusammengewachsen. In der Kulturhauptstadt-Organisation arbeiten engagierte Macher daran, dass der Gemeinschaftssinn des einjährigen Kunst-Events nach dem Ende der Feierlichkeiten die "Ruhris" auch weiterhin erfasst."
Bremer Nachrichten, Bettina Pflaum / 13.11.2010"Noch ist sie zu erleben, die "RUHR.2010", Europas deutsche Kulturhauptstadt, die heuer eine ganze Kulturhauptregion ist. Wer sie noch nicht besucht hat, sollte Versäumtes dringend nachholen."
Die Presse / 13.11.2010"Knapp 900.000 Besucher in einem Jahr: Das ist ein Rekord im Landschaftspark Duisburg-Nord. Normalerweise schlendern gut 700.000 Gäste in zwölf Monaten durch die Industriekulisse. RUHR.2010 hat für den immensen Andrang gesorgt, ist sich der Chef des Parks, Ralf Winkels sicher."
Neue Ruhr Zeitung / 13.11.2010"Für die Ausstellung »Bilder einer Metropole - Die Impressionisten in Paris« bekam das Museum Folkwang eine Wunschliste an Leihgaben erfüllt, die selbst den Pere Noel, den französischen Weihnachtsmann, in Verlegenheit gebracht hätte. Ausgestattet mit dem Ruf von Kuratorin Frangoise Cachin, Gründungsdirektorin des Musee d'Orsay, gelang es, eine atemberaubende Auswahl an Gemälden und Fotografien der Spitzenklasse zusammenzustellen. Die Gabe fiel so reichlich aus, dass viele eigene Werke des Museums zum Thema, die Mäzen Karl Ernst Osthaus noch als später Zeitgenosse der Künstler in Paris erworben hatte, in der ständigen Sammlung hängen bleiben konnten. […] Die Verbindung der Gemälde mit Schwarz-Weiß-Aufnahmen, etwa vom Aufbau des Eiffelturms oder stereoskopische Fotografien, belegt die Gewalt und Dynamik der Pariser Stadtumwandlung. Paris, die Metropole: Der Glanz der Belle Epoque soll das Ruhrgebiet im Kulturhauptstadtjahr erleuchten. Dass es dazu nicht reicht, sich selbst »Metropole Ruhr« zu nennen - auch das führt die Essener Ausstellung deutlich vor Augen. Aber sie macht Mut für den Wandel einer lebenswerten Region."
Kunstzeitung, Tankred Stachelhaus / 11.11.2010Weitere Informationen zu Bilder einer Metropole
"Poetry Slam? Das ist der ungebärdige, mittlerweile 24-jährige Sohn der Dichterlesung mit Tischchen, Lampe, Wasserglas und dezentem Applaus. Poetry Slam ist eine lautstarke Worte-Schlacht ums Publikum, das sich zwischen Nonsense und Lyrik seinen Reim macht bei Wettbewerben, die "Sprechreiz", "World of Wordcraft" oder "Cup der guten Worte" heißen.
Weil noch nicht alle wissen, was Poetry Slam ist, die Kulturhauptstadt in diesen Tagen aber erstmals die deutsche Meisterschaft ins Revier bringt, erklärt die 36-jährige Anke Fuchs die Regeln in einem Atem-Zug: "Keine Kostüme, nicht singen, nur selbst geschriebene Texte", sagt sie im Regionalexpress von Hamm nach Düsseldorf und legt los: "Wenn die Liebe hinfällt, wäre es schön, wenn es ein Sonntag wäre, denn da habe ich meistens Zeit..." so verdichtet sie ihr Leben zum Lesetext, der im Zweifel auch das Publikum überzeugt. "
Mehr zu SLAM.2010
"Ich hätte Lust, weit mehr von all dem kennenzulernen, was sich unter diesem schütteren grünen Ruhrgebietsdach verbirgt. Die "Local Heroes", wie die kleineren, weniger namhaften Städte des Reviers während des Kulturhauptstadtjahres RUHR.2010 etikettiert wurden, haben mich mit all ihren Widersprüchen, Defiziten und Sorgen neugieriger auf diese fremde deutsche Region gemacht, als ich es mir je hätte träumen lassen."
Die Zeit, Renate Just / 11.11.2010"Für ein Bühnenwerk der zeitgenössischen Musik hat Hans Werner Henzes "Phaedra" bereits eine außergewöhnlich intensive Rezeption erfahren. (…) Nach Neudeutungen beim Maggio Musicale und in Heidelberg, beide 2008, sowie kürzlich in Luzern wagte sich nun die Deutsche Oper am Rhein im Rahmen des Henze-Projekts der Kulturhauptstadt RUHR.2010 an eine weitere Interpretation. Im Theater Duisburg zeigt Sabine Hartmannshenn im atmosphärischen Bühnenbild von Dieter Richter eine Lesart, die sich, anders als die Produktionen in Berlin und Heidelberg, recht wenig um die schillernde, weil in sich widersprüchliche Gattungsbezeichnung „Konzertoper“ sorgt, mit der Henze Dramaturgen wie Regisseure listig herausgefordert hat. Stattdessen konzentriert sich Hartmannshenn auf das genuin theatralische Moment dieses inspirierten Alterswerks. Davon profitiert vor allem der verklausulierte zweite Teil, in dem Christian Lehnerts metaphernreiches Libretto die Sage von der tragisch in Hippolyt (Jussi Myllys) verliebten Phaedra (Ursula Hesse von den Steinen) ins Privat-Mythologische wendet und mit autobiographischen Anspielungen auf Henzes eigene Lebenssituation garniert. Die Regisseurin macht daraus eine freche Antikentravestie, die mit ihrer ironisierenden Splatterfilm-Ästhetik die bislang unterbelichteten komisch-skurrilen Seiten des Stückes herausstellt. Henzes Werk erscheint dadurch nur umso vielfältiger und hält diesen beherzten Zugriff spielend aus, wie nicht zuletzt der einhellige Beifall für das Regieteam, das durchweg erfreuliche Ensemble und die von Wen-Pin Chien sehr engagiert angeleiteten Duisburger Philharmoniker bewies."
Frankfurter Allgemeine Zeitung / 11.11.2010Weitere Informationen zu Phaedra
"Die Zeit tut das, was sie manchmal so unangenehm macht: sie vergeht. Auch das Jahr der Kulturhauptstadt Ruhr neigt sich seinem Ende zu. Man möchte es nicht glauben, denn dieses Jahr war weitaus länger als andere. Es war dichter, lebendiger, bunter. Wer den Kulturhauptstadt-Erlebnisführer durchblätterte, musste melancholisch werden, weil er nur ein Leben hatte, nur zwei Augen und Ohren. Er konnte aber auch ahnen, dass diese Region wie kaum eine andere "multitasking" beherrscht, ohne Revierromantik und realitätsferne Sonntagsreden über "Ruhrstadt" oder "Metropole", dafür aber mit guten Chancen für Kooperationskonzepte gegen Scheuklappen und Trägheit. RUHR.2010 das war wie in Rilkes "Sturmnacht": "Himmel von hundert Tagen / über einem einzigen Tag." Es war vielleicht wie ein Jahrzehnt in einem einzigen Kalender. […] unzählige Ruhris (werden) an ihr ganz persönliches Erlebnis denken, an das Stillleben am langen Tisch oder das Sängerfest Auf Schalke, eine Ausstellung, ein Konzert oder die "Night Prayer" der Weltreligionen. Vielleicht haben sie sogar das irritierende Gefühl, nicht mehr genau dieselben zu sein, die sie vorher waren. "Auftauchen an einem anderen Ort", so hat August Macke einmal Kunst und Kultur definiert. Dieses Jahr hat gezeigt und zeigt noch immer, dass sich der Lebensraum zwischen Emscher und Ruhr mit jeder Kulturlandschaft der Erde messen darf. […] Er liegt nicht nur im Herzen Europas, sondern könnte dessen Herz werden, nicht als poetische Metapher, sondern als das, was ein Herz nun mal ist: Werkzeug, Maschine, Umschlagplatz und Verknüpfungspunkt, pulsierender Binnenhafen und "Tor zur Welt", Labor für Zukunft und Schmelztiegel ungezählter Nachbarschaften, in denen zusammenwächst, was zusammengehört. Aber Vorsicht! Es gehört zum Charakter der Leute dieses Raumes, dass sie sich kein tümelndes Gruppengefühl aufschwatzen lassen, schon gar nicht von Marketingstrategen, die immer nach dem "branding" suchen. […] Ich will ein großes Dankeschön sagen. An die unzähligen Ausdenker und Mitmacher, die Kreativen und die Verwalter, die leidenschaftlichen Kämpfer und die stillen Genießer, die Heizer, Bremser und Trittbrettfahrer. Dank gebührt den Glückspilzen, die ein günstiger Aufwind trug, aber auch den Leidtragenden, deren vielleicht grandiose Idee an philiströsen Bedenken scheiterte oder an der verfluchten Endlichkeit des Geldes. Dank gebührt schließlich den "unsinkbaren Zwei", Fritz Pleitgen und Oliver Scheytt, die all dies gegen die Schwer- und Fliehkräfte in einem mehrjährigen Marathon herbeigewollt haben. Es muss jemanden geben, der einem solchen Multiplex-Ereignis Gesicht und Stimme gibt, und oft genug heißt das wohl: den Kopf hinhalten. Das hat Fritz Pleitgen auch getan, wenn es schwierig war. Dank gebührt nicht zuletzt auch den Journalisten, Redakteuren, Fotografen, die Überblick schufen, neugierig machten […]. In jedem echten Kunstwerk (und unechte gibt es nicht) stecken zwei, drei weitere. Auch in diesem Jahr mit Überlänge steckt noch manches, was sich erst nach und nach zeigen wird. Wie geht's weiter? - Schau!'n wir mal!"
Welt am Sonntag, Bodo Hombach / 07.11.2010"Soon, when we hear that unexpected cry "European cultural hotspot!" the Ruhr will sit at the top of our mental list."
Zeitgeist Magazine, Edward Thornton / 05.11.2010"Es ist schon erstaunlich, mit welcher Konstanz Hans Werner Henze seine Schaffenskraft bis ins hohe Alter erhalten konnte. „Phaedra“, seinem vor drei Jahren uraufgeführten, bis jetzt vorletzten Bühnenwerk ist nichts von der schweren Erkrankung und anderen persönlichen Tragödien des damals 80-Jährigen anzuhören. Zu den hervorstechendsten Qualitäten der Neuinszenierung an der Deutschen Oper am Rhein zählt der Nachweis der Bühnenwirksamkeit des zweistündigen Werks. (…) die Besucher [wurden] Zeuge großen modernen Musiktheaters. Tief steigt Henze in die Abgründe der griechischen Mythologie ein. Phaedra, das rachsüchtige Monster, sucht man in Sabine Hartmannshenns einfühlsamer Inszenierung allerdings vergebens. Für sie ist die Titelheldin eine einsame, tief verletzte Frau, die sich von Theseus verlassen fühlt und sich ausgerechnet in ihren Stiefsohn Hippolyt verliebt. (…) Vor der Pause stehen die komplexen Beziehungsgeflechte im Mittelpunkt, bei denen sich der Wille der Menschen und die Handlungen der Götter immer wieder im Wege stehen. Filigrane Handlungssplitter, die, wie in Duisburg, nur durch eine feine, detailgenaue und handwerklich perfekte Personenführung unter Spannung gehalten werden können. In dem weitläufigen, sich im Hintergrund verflüchtigenden, oft in warmes Blau getauchten Bühnenraum von Dieter Richter spielen sich Annäherungsversuche, Abweisungen, Hoffnungen und Enttäuschungen in eindringlicher Sensibilität ab. Ganz anders der zweite Teil: Das geheimnisvolle Arkadien ist zu einem verwüsteten Laboratorium verkommen, in dem Artemis à la Frankenstein mit Leichenteilen hantiert und Hippolyt notdürftig zusammenflickt. (…) Henze schwelgt in tausend Farben, spürt den psychischen Fieberkurven der Figuren mit seismografischer Genauigkeit nach, verwöhnt im ersten Teil durch zarteste Versuchungen, dreht nach der Pause bis zu raffiniertem Jahrmarkts-Brimborium auf und erweist sich in jedem Takt als Meister des Musiktheaters. Und das hört man der musikalischen Leitung von Wen-Pin Chien mit den 23 fabelhaften Duisburger Philharmonikern mustergültig an. Grandios das Ensemble mit der stimmlich wie szenisch überragend präsenten Mezzosopranistin Ursula Hesse von den Steinen in der Titelpartie, Anke Krabbe als anmutige Aphrodite mit delikaten lyrischen Höhenflügen, Jussi Myllys als Hippolyt mit gesundem Selbstvertrauen und einem ebensolchen Tenor und nicht zuletzt mit dem virtuosen Countertenor Vasily Khoroshev in der der schillernden Rolle der Artemis. Viel Beifall für einen wirklichen Höhepunkt des Henze-Projekts."
Aachener Zeitung, Pedro Obiera / 05.11.2010Weitere Informationen zu Phaedra
"Diese Ausstellung bricht Tabus wie der Herbststurm einen dünnen Zweig. (…) Die letzte MKK-Ausstellung des Kulturhauptstadt-Jahres ist der klare Blick auf Farben, Formen, Motive der menschlichen Intimität. Und sie ist eine Innenansicht der Psyche des Menschen. Der "kranken" Psyche. (…) Offene Sexualität schockiert, das ist im MKK nicht anders. Doch die Ausstellung ist keine derbe Fleischbeschau. Trotz und gerade wegen der massiven Präsenz von Geschlechtsteilen und -akten. Denn sie sind hier Metaphern: Für die männlichen Ur-Ängste und weibliche Sehnsucht, für Obsession und Gewalt. Ein intimer Blick, der große Dichte erzeugt. Ohne Tabus."
Ruhr Nachrichten / 05.11.2010Weitere Informationen zu InnenWeltenAußenWelten
"Im Ruhr Museum, Zeche Zollverein, in Essen sind die Fotografien Hausers derzeit in einer Ausstellung zu sehen. Und der Bonner Weidle Verlag hat die Gelegenheit genutzt, im Begleitbuch zur Ausstellung nicht nur den Text von damals nachzudrucken, sondern zugleich durch eine Vielzahl von Faksimiles das Text-Bild-Arrangement der Originalausgabe wieder auferstehen zu lassen. Das Buch ist so nicht nur ein hinreißender Rückblick auf das Ruhrgebiet in den späten 1920er Jahren. Es ist zugleich ein Beleg dafür, dass die literarische Reportage im frühen zwanzigsten Jahrhundert ein Flöz entdeckte, das ungeahnten Rohstoff barg: den Nahbereich, die noch unbeschriebenen Sphären der eigenen Gesellschaft als das Gegenüber der fernen exotischen Welten. (…) Denn die moderne, industrielle Arbeitswelt mit ihren riesigen Räumen und Maschinen, Dämpfen und Schlacken ist der Dschungel der neusachlichen Reportage, und Heinrich Hauser lässt keinen Zweifel daran, dass er das Ruhrgebiet bereist wie ein Forschungsreisender einen noch unerschlossenen Kontinent."
Süddeutsche Zeitung, Lothar Müller / 03.11.2010Weitere Informationen zu Das schwarze Revier
"The face of Germany's Ruhr district has changed in recent decades. The new face that is most notably stripping away old ways of thinking is being showcased as part of RUHR.2010 with Essen as Europe's Capital of Culture in an experimental symbiosis of art, energy and science."
martin.com / 02.11.2010"So großen Andrang hat es bei der Eröffnung der Contemporary Art Ruhr (C.A.R.) noch nicht gegeben. Warteschlangen vor Halle 5 auf Zollverein sorgten am Freitagabend für eine verspätete Eröffnung der Schau, die sich auf 5000 Quadratmetern und mit 200 Teilnehmern - darunter 57 Galerien - in wenigen Jahren wohl zur größten Kunstmesse des Ruhrgebiets gemausert hat."
Neue Rhein Zeitung / 02.11.2010"Den Anlass bot die Ernennung des Ruhrgebiets zur europäischen Kulturhauptstadt 2010. "Bilder einer Metropole: Die Impressionisten in Paris" ist in der Tat ein europäisches Ereignis. Dafür sorgten vor allem die beiden Pariser Kuratorinnen: Francoise Cachin, einst Gründungsdirektorin des Musee d'Orsay, und Francoise Reynaud, Fotoexpertin des Musee Carnavalet. Dem wissenschaftlichen Renommee der beiden dürfte es zu verdanken sein, dass nicht nur die Pariser, sondern auch amerikanische Museen wie das Getty, das Art Institute Chicago oder die National Gallery Washington sich von Meisterwerken getrennt haben, von denen man kaum glauben mag, dass sie in Essen tatsächlich an der Wand hängen."
FAZ, Wilfried Wiegand / 02.11.2010"Wie es anfing, geht das Kulturhauptstadtjahr RUHR.2010 zu Ende: mit einer Fülle von Programmpunkten. Allein vom 1. bis 31. Dezember finden sich im Terminkalender Guinness-Buch-verdächtige 613 Veranstaltungen."
Camping, Cars & Caravan, Asgard Dierichs / 01.11.2010"Unter 105 Bewerbern aus dem deutschsprachigen Raum hat sich die RUHR.2010 GmbH als beste Kulturmarke 2010 herauskristallisiert. In diesem Wettbewerb ging es vor allem um die erfolgreichste Marketingstrategie, die engagierteste Kulturvermittlung und die kreativste Investitionform im Kulturbereich. Die 18-köpfige Jury wählte den Gewinner unter den eingegangenen Vorschlägen auch aufgrund von Kriterien wie Markenidentitaät, Markenerscheinung und Markenkompetenz."
ruhrportal.de / 29.10.2010""Identitätsstiftende Markenentwicklung" und "außergewöhnliche Markenführung": Die europäische Kulturhauptstadt im Ruhrgebiet 2010 ist als "Kulturmarke des Jahres" ausgezeichnet worden."
Hamburger Morgenpost / 29.10.2010"Was eine europäische Kulturhauptstadt für eine Stadt, eine Region und ihre Gesellschaft bewirken kann, zeigen uns aktuell Essen und das Ruhrgebiet. Mit ihrem Motto "Kultur durch Wandel - Wandel durch Kultur" signalisiert die Region, worauf sie vertraut. Einst von Kohle und Stahl geprägt, soll die Kultur Antworten auf gesellschaftliche Veränderung geben und neue Wege aufzeigen. Die bisherige Zwischenbilanz imponiert ungemein: Mäzene engagieren sich, Hotels sind ausgebucht, die Besucherzahlen weit höher als erwartet. Absolute Megaevents wie die Sperrung eines Autobahnabschnitts für das Projekt "Still-Leben " machen Schlagzeilen. Essen beweist einmal mehr, welche Potenziale breitgefächerte Kulturprogramme entfalten können."
morgenweb.de / 29.10.2010"Für die einen war es die längste Tafel der Welt, für die anderen eine einmalige Gelegenheit zu forschen: Botaniker machten beim Straßenfest «Still-Leben A 40» erstaunliche Entdeckungen am Rande der Autobahn A 40 im Ruhrgebiet. Die Autobahnparty «Still-Leben A 40» war im Juli gewiss eines der spektakulärsten Ereignisse der Europäischen Kulturhauptstadt RUHR.2010. Das Straßenfest auf 60 Kilometern Autobahn zog mehr als drei Millionen Besucher an. Darunter waren auch 70 Wissenschaftler, die nur kamen, um entlang der gesperrten Fahrbahnen Pflanzen zu erfassen. Das erstaunliche Ergebnis: Mehr als 440 verschiedene Arten wachsen am Ruhrschnellweg, der zwischen Duisburg und Dortmund doch nur durch Industriestädte führt. Darunter sind seltene Pflanzen wie das Mauerglaskraut, das eigentlich eher in bäuerlicher Kulturlandschaft vorkommt. Auch der Krähenfuß-Wegerich tauchte auf. Er ist sonst eher an Nord- und Ostsee zu finden. (…) Dabei finden sich an der Autobahn auch eingewanderte Pflanzen wie das Schmalblättrige Greiskraut, das aus Südafrika kommt und wahrscheinlich am Lastwagenreifen anreiste. (…) An dem Projekt waren neben Wissenschaftlern der Biologischen Station Westliches Ruhrgebiet und des Bochumer Botanischen Vereins auch Forscher der Ruhr-Universität Bochum, der Universität Duisburg-Essen, der Universität Köln, des Ruhr Museums und von verschiedenen Naturschutzverbänden beteiligt."
Frankfurter Rundschau online / 24.10.2010"Multikulti oder Leitkultur? Das ist nur im tagespolitischen Schlagabtausch oder in den Talkshows wirklich die Frage. Überall dort, wo mit kulturellen Unterschieden praktisch umgegangen werden muss, helfen diese Erkennungszeichen ideologisch aufgeladenen Richtungsstreits nicht einen Zentimeter weiter. "RUHR.2010" muss gerade leidvoll erfahren, dass es darauf oft nicht einmal ankommt. Ob Sarrazin oder Seehofer - die Protagonisten einer zuweilen populistisch vergröberten Debatte über Migration und Integration behalten immer dann recht, wenn es um die Lufthoheit im massenmedialen Raum geht. Dagegen kommt Europas Kulturhauptstadt kaum an. Schicke Projekttitel wie "Pottporus" sind eben nicht schick genug, um dort mitzuhalten, wo mit Schlagworten wie mit dem ganz groben Knüppel gekämpft wird. Siegt die schiere Grobheit? Im Ruhrgebiet, wo es oft sehr handfest zugeht, wird sensibler zu Werke gegangen. Projekte mit und für Migranten sind keine Multikulti-Garnitur am Kulturmenü, sondern beharrliche Bemühung um gelebte Integration. Im Schatten der einstigen Schlote ist gerade dabei richtig harte Maloche angesagt - auch in Zukunft. Multikulti oder Leitkultur? Das ist nicht die Frage. Respekt und Wertschätzung sind der Anfang des Erfolgs."
Neue Osnabrücker Zeitung, Stefan Lüddemann / 23.10.2010"Als Reaktion auf die Integrationsdebatte hat die Europäische Kulturhauptstadt RUHR.2010 eine "interkulturelle Offensive" angekündigt. Wenn man den Satz des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU) "Multikulti ist tot" auf die Kultur anwenden würde, könnten Orchester und Bühnen schließen, sagte RUHR.2010-Geschäftsführer Oliver Scheytt."
Hamburger Abendblatt / 22.10.2010"Fremdenverkehrs-Branche spürt den nachhaltigen Schwung der Kulturhauptstadt und übt sich in Optimismus für 2011: Essener Hotels und Touristikbetriebe stellen sich darauf ein, dass der Zuspruch auswärtiger Gäste auch nach Ablauf des Kulturhauptstadtjahres anhält. Für diesen Optimismus gibt es gute Gründe. Im laufenden Jahr hat die Branche einen erheblichen Zuwachs der Gästezahl verzeichnet. Von einem Plus von gut 20 Prozent ist in Essen wiederholt die Rede; ruhrgebietsweit sind es 14 Prozent. Im bisherigen Spitzenmonat Juni wurde sogar ein Zuwachs von rund 100 Prozent bei den Essener Zahlen registriert."
WAZ, Martin Spletter / 22.10.2010"Das neue Museum Folkwang in Essen verspricht als herausragendes Projekt der Kulturhauptstadt 2010 auch in den kommenden Jahrzehnten ein Besuchermagnet zu bleiben. Offensichtlich gibt es die Sehnsucht der Menschen nach echten Bildern anstelle bloßer Abbildungen, nach Begegnung mit der Kunst."
Westfälische Nachrichten, Harald Suerland / 22.10.2010Weitere Informationen zum Neubau Museum Folkwang
"Oleksiy Pyvovarskiy schwitzt. Der Körper vibriert, ist in ständiger Bewegung. Ohne Taktstock steht der junge Dirigent auf dem Podium, bringt in rauschhafter Entäußerung das "Gloria" aus Mozarts c-moll-Messe zum Klingen. Vor ihm die Bochumer Symphoniker und der Philharmonische Chor. Kritisch beäugt von einem Maestro der historischen Aufführungspraxis, Sir Roger Norrington. Ebenso aufmerksam beobachtet von Kurt Moll, eine Institution unter den bassgewaltigen Sängern. Pyvovarskiy agiert so umtriebig wie nervös. Dieser Auftritt im Museum Bochum, bei der 1. Internationalen Dirigentenakademie Ruhr im Meisterklassen-Format, verlangt ihm alles ab. [...] Kurt Moll steuert manches aus der Sicht des erfahrenen Sängers. Und spürt die Nervosität der Eleven am Pult. Die eigene Mitte finden, das richtige Atmen, auch das gehöre zur Kunst des Dirigierens, sagt er. Die Manöverkritik ist wichtiger Bestandteil der Akademie."
WAZ, Martin Schrahn / 21.10.2010Weitere Informationen zur Dirigentenakademie
"In der RUHR.2010-Reihe "Piano Today" schafften die US-amerikanischen Pianisten Craig Taborn und Marilyn Crispell im Foyer des Museums schier Unfassbares. Crispell, die u.a. ist durch ihre Zusammenarbeit mit Anthony Braxton bekannt ist, und Craig Taborn, der aktuelle Shooting Star, könnten unterschiedlicher nicht sein. [...] Unfassbar ist Taborns fast schon überirdisches Empfinden für Rhythmus. Man merkt ihm an, wie er die Polyrhythmik im ganzen Körper empfindet, wie er diese vielen Rhythmen einfach in der Improvisation übereinander schichtet. Ein Genie! Diese Improvisation am Klavier scheint dem Zuhörer wie ein Wunder. Bei Crispell entstehen diese Improvisationswunder aus einem Spielfluss, der wohl selten auf diese Weise anzutreffen ist. Auf unübertroffener Art ist diese Pianistin in der Lage, Energien auszuschütten. Und mit welcher Beharrlichkeit! Ebenfalls gibt es hier Übergänge von tonalen Bezügen zu atonaler, absoluter Wildheit. Und wie immer bei Improvisierter Musik, ist der Effekt auf den Zuhörer ein besonderer: bei solch' einer Masse an Clustern wirkt ein einfacher Dreiklang wie ein kleines Wunder. Marylin Crispell und Craig Taborn: Das waren sagenhafte, geradezu unfassbare Momente improvisierter Musik."
WAZ, Nina Schröder / 19.10.2010Weitere Informationen zu grubenklang.reloaded
"Draußen schleifen Pflanzen am Zug entlang, die Schienen nach Zollverein werden nicht mehr oft befahren. Je näher die Zeche kommt, desto mehr Menschen säumen die Gleise, winken, lachen und machen Fotos von dem bunten Zug. Drinnen wird begeistert zurück geknipst. Dann hält der Zug, die Türen öffnen sich: Hallo Zollverein, hier ist Melez!"
wdr.de, Jenna Günnewig / 18.10.2010Weitere Informationen zu Melez
"Als eine Frau nach patriarchalischen Strukturen in einer Roma-Familie fragt, schüttelt die Journalistin und künstlerische Direktorin von Ruhr 2010, Aslı Sevindim, mit dem Kopf. "Die Vorurteile sind immer noch da", bemerkt die 36-Jährige und rät: "In jedem Zug, ob Melez oder nicht, sitzen sich Kulturen gegenüber. Man muss hinsehen und wahrnehmen, das Gespräch suchen. Dann werden wir feststellen, dass es hier nicht um Multikulti geht, sondern ums Menschsein." - "Bei jedem Zusammenleben entstehen Konflikte", ergänzt Ruhr-2010-Geschäftsführer Oliver Scheytt . "Um diesen Konflikten vorzubeugen, müssen wir in kulturelle Bildung investieren." Die Stuttgarterin Susanne Wie (55) nickt im Vorbeigehen: "Man wird hier richtig politisiert." Im letzten Abteil des Zuges ist es still. Die Zierde an Sitzen und Wänden nimmt sich zurück, nur die Monitore über den Köpfen der wenigen Sitzenden zeigen bewegte Bilder. Junge Menschen sind es zumeist, von denen einer sagt, dass er an Selbstmord denke, seit er abgeschoben wurde. "Blackbox Abschiebung" heißt diese Kollage, die der Dokumentarfilmer Ralf Jesse produziert hat. Sie ist hervorragend, irritierend, findet hier aber kaum Publikum: "Die Menschen kommen herein, hören einen Moment zu und sind verunsichert", beobachtet der 45-Jährige Kölner. "Damit habe ich aber schon erreicht, was ich wollte: zu zeigen, dass in allem Schönen auch etwas Unangenehmes steckt.""
WAZ / 18.10.2010Weitere Informationen zu Melez - Blackbox Abschiebung
"Dieser Zug kommt genau pünktlich: In gold-petrolfarbenem Kleid schlängelt er sich durch die derzeitige Integrationsdebatte, pfeift mal kraftvoll zur Blasmusik aus dem Balkan, mal leise zwischen den Zeilen eines bulgarischen Literaten und dann wieder aus vollem Hals im Chor der Sinti und Roma, die in Linzer Mundart durch ihre Welt führen: Der Melez-Zug hält an diesem Samstagabend mit rund 200 Fahrgästen als Balkan-Express am Gleis 13 des Hauptbahnhofs. 138 Meter ist er lang, in jedem der fünf Waggons steckt eine andere Welt: "Bitte einstiegen!""
WAZ, Stefanie Weltmann / 18.10.2010Weitere Informationen zu Melez
"Mit einer Auszeichnung als "vorbildlicher Bau" würdigten Helmut Miksch, Präsident der Architektenkammer, und Harry Voigtsberger, Bauminister des Landes Nordrhein-Westfalen, jetzt die Mannheimer Architekten Don und Marek Lindemann für ihr Hagener Museumsprojekt. Für das Bauvorhaben - eine Erweiterung des Karl-Ernst-Osthaus-Museums zusammen mit dem Neubau des Emil-Schumacher-Museums - gewannen Vater und Sohn Lindemann mit ihren Plänen 2001 eine internationale Ausschreibung mit mehr als 360 Teilnehmern. Rechtzeitig zum Kulturhauptstadt-Jahr an der Ruhr wurden die Museen Ende letzten Jahres eröffnet - und jetzt noch einmal von den Architekten-Kollegen aus 250 Bauten als vorbildlich ausgewählt."
Mannheimer Morgen / 15.10.2010Weitere Informationen zu Kunstquartier Hagen
"On Sept. 12, the symphony's 100th anniversary, Duisburg mounted a "reconstruction" of that legendary first performance. Six symphony orchestras and 25 choruses from the Ruhr Valley (the 2010 European Capital of Culture) participated in the sold-out concert. Lorin Maazel presided over the 1,330 musicians and singers who performed Mahler's two-movement hybrid of symphony, oratorio and opera inside an engine house in the former ironworks that is today's Landschaftspark Nord. Germany's president, Christian Wulff, was among the 2,600 audience members."
The Wall Street Journal, A. J. Goldmann / 12.10.2010Weitere Informationen zu Sinfonie der Tausend
"Auf Bahnsteig 31 des Dortmunder Hauptloahnhofs machen Menschen Annäherungsversuche, die einander noch nie sahen, aber in zweieinhalb Stunden gemeinsam auftreten sollen - womit auch immer. "Bist du Profi-Musiker?", fragt der Schlagzeuger tastend den Saxophonisten; "Ist eine Art Texter da?", fragt eine Art Produzent in die Runde. Man sieht es schon, man weiß nicht viel, nur eines ist gewiss: Es fährt ein Zug nach Irgendwo. [...] Unter dem Zeitdruck und der Wirkung von multikulturellem Bier hat der kreative Prozess dann doch noch Fahrt aufgenommen. Zurück in Dortmund, 20.30 Uhr. Der Bühnenwagen singt den Bahnhof an: "Ich schau hinaus / die Sonne scheint / ich frag mich, warum bin ich so allein / Ich ruf dich an / du gehst nicht dran / von Dortmund bis nach Essen kein Empfang." Das Lied heißt "Ich warte" und passt insofern gut zu einem Gleis 31. Und im weißen Wagen hat jemand einen Klassiker der Graffiti-Literatur hinterlassen: "Wir waren hier."
WAZ, Hubert Wolf / 11.10.2010Weitere Informationen zu MELEZ
"Henze's new work Gisela! is a real spectacle. (...) Gisela! is musically patchy and possibly incomplete - Henze may have run out of time or inspiration for the orchestral interludes depicting Gisela's three dreams and instead offers lightly arranged organ pieces by JS Bach. His own basic style is, however, recognisable, as ever eclectic, by turns lyrical and modernist-expressionistic, with Bergian, even Brittenesque, influences. The score is bound together by Steven Sloane's masterly marshalling of his youthful musical charges and Pierre Audi's breathtaking production, which uses the "endless" depth of a late-19th-century machine hall to spectacular effect, with Christof Hetzer's railway platform and tracks disappearing into the distance and three black boxes raised to disclose the intimate scenes. A true festival event, but one wonders how Gisela! can thrive divorced from its original setting."
The Sunday Times, Hugh Canning / 10.10.2010Weitere Informationen zu Gisela!
"RUHR.2010 bringt Schwung in die Region, nutzt Gastronomie und Handel gleichermaßen. Hotels sind plötzlich auch am Wochenende gut gebucht. In den Innenstädten werden shoppende Touristen gesichtet - vor Jahren kaum denkbar. Das Image wandelt sich zum Besseren. Schon deshalb hat sich der hohe Aufwand gelohnt. Es wäre aber falsch, den Wert von RUHR.2010 nur nach Übernachtungsstatistiken zu bemessen. Wichtiger ist die Wirkung nach innen: Die Kulturhauptstadt dient als Klammer des Ruhrgebiets und bündelt Kräfte, die dringend gebraucht werden. Die Besucher sind voll des Lobes. Vielleicht wird dadurch manchen klar, wie spannend die Städtelandschaft ist, in der wir leben."
WAZ, Rolf Kiesendahl / 06.10.2010"Mit Meisterwerken des Impressionismus und Dokumentarfotografien triumphiert das Folkwang Museum in Essen. (…) So bringt die Ausstellung Hauptwerke der beobachtenden Malerei und der registrierenden Fotografie aus dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in solch beredter Fülle zusammen, dass man sich beim Wandern durch die Räume und beim Blättern im Katalog, in dem die korrespondierenden Objekte direkt aufeinander bezogen sind, unwillkürlich fragt, warum diese aufregende Form der Zeiterkundung nicht schon früher versucht worden ist. Künstlerisch mögen die nach Essen ausgeliehenen Schlüsselwerke von Manet, Renoir, Pissarro oder Caillebotte zwar den Höhepunkt der Schau bilden, doch das eigentliche Wunder der Ausstellung ist die Selbstverständlichkeit, mit der sich hier die Dokumentarfotografen als die eigentlichen Gesprächspartner der Maler profilieren. Verblüffend ist aber auch die Überzeugungskraft, mit der Künstler ganz anderer Stilrichtungen, die es in jenen Jahren nach Paris verschlagen hat, wie etwa Menzel, Repin, Gauguin, Signac, Bonnard, Vallotton, Matisse, Sargent, Munch oder Picasso, in die von den Fotografen angestoßene, von den Impressionisten temperamentvoll erwiderte Stadt-Debatte eingreifen."
Süddeutsche Zeitung, Gottfried Knapp / 06.10.2010Weitere Informationen zu Bilder einer Metropole
"Vergnügen auf Schienen (…) Und immer wieder zusteigen! Großer Bahnhof bei der Jungfernfahrt des MELEZ-Zuges von Duisburg nach Dortmund und zurück: Musiker, Künstler und viele Neugierige bevölkerten am Sonntag eine S-Bahn, die so bunt wie das Revier ist. Fünf Themenwagen, bemalt und dekoriert von Azubis der Bahn, gingen auf Reise: Im ersten rockt die Latin-Ska Band Faela. Eine Tür weiter erzählen Zuwanderer ihre Geschichte. Im weißen Wagen spricht Claus Leggewie übers Bahnfahren an sich. Im Medienwagen sind Laptops, wo Mitfahrer ins Internet gehen oder Filme gucken. Ein Zug als Vergnügungs-Express, als rollender Kultur-Botschafter und als Sinnbild: Viele Zuwanderer kamen mit der Bahn zu uns. Und blieben. Melez ist türkisch und heißt Mischung. Ein guter Name für ein Fest, das als Schaufenster für Kultur aus aller Welt fungiert und jetzt auf der Schiene rollt. (…) Mission erfüllt: Leute ins Gespräch zu bringen, das kann der MELEZ-Zug."
Halterner Zeitung, Kai Uwe Brinkmann / 05.10.2010Weitere Informationen zu MELEZ
""Hallo, mein Name ist Jana und das ist mein Reisebüro. Möchtest du einen Tee?" So wurden am Samstag die Besucher des Marxloher Medienbunkers am Johannismarkt begrüßt. Das Rollenspiel gehörte zur Veranstaltung "Open Marxloh". [...] Die Führungen gehören zum Projekt "Melez 2010 - Festival der Kulturen", sie sind der Auftakt zu einer Veranstaltungsreihe im Rahmen von RUHR.2010. Melez, das ist ein türkisches Wort mit arabischen Wurzeln und bedeutet Mischung. Die Reihe will die kulturelle Vielfalt im Ruhrgebiet aufzeigen und feiern. Die Hauptaktration des Projekts ist der Melez-Zug, eine umgebaute S-Bahn, die bis zum 31. Oktober durch das Ruhrgebiet reist und viele interessante Begegnungen ermöglichen will. "Der Auftakt in Marxloh ist für uns ein symbolischer Aufschlag", sagt Projektleiterin Susanne Puschberger. "Er kriegt durch die aktuelle Integrationsdebatte eine besondere Brisanz." Melez möchte "Städte, Kulturen und Generationen verbinden", der Zug sei als Symbol für Bewegung und Verbindungen, aber auch für Migration zu sehen. Und das migrationsbedingte Miteinander der Kulturen werde in Marxloh besonders deutlich."
Neue Ruhr Zeitung, Oliver Kühn / 04.10.2010Weitere Informationen zu Melez
"Solch ein Konzert werden die Duisburger Philharmoniker so schnell nicht noch einmal geben: In der Hochfelder Sankt-Johann-Straße spielten 19 Streicher in den Fenstern des Hauses Nummer 3, und gut 500 Musikfreunde ließen sich dieses ungewöhnliche Spektakel nicht entgehen. Die Stimmung hat etwas Unwirkliches und Skurriles: 15 Geiger und Bratscher in Konzertkleidung stehen in den Fenstern eines Wohnhauses und spielen klassische Musik, während die Cellistinnen und der Kontrabass vor dem Haus postiert sind und der Dirigent Norbert Killisch mitten auf der Straße den Takt schlägt. Drumherum haben sich im Halbkreis die zahlreichen Zuhörer aufgestellt. [...] Zum Abschluss des Konzertes verlassen die Geiger und Bratscher ihre Fensterplätze, versammeln sich auf der Straße hinter den Notenpulten und spielten drei Sätze aus der "Simple Symphony" von Benjamin Britten. Als man dann die Musiker in normaler Anordnung und synchron über die Saiten streichend sieht, fühlt man sich fast in ein Philharmonisches Konzert versetzt - würde da nicht im Hintergrund ein Wohnhaus stehen. Das Publikum dankte den Musikern mit reichlich Beifall und Pfiffen. Intendant Dr. Alfred Wendel lobte den "Mut der Musiker zur Teilnahme an diesem verrückten Konzert" - Spaß hat es gemacht!"
Neue Ruhr Zeitung, Rudolf Hermes / 04.10.2010"Lokführer Erkan Esen war ein gefragter Mann. Der 36-jährige Gelsenkirchener, seit 2003 bei DB Regio beschäftigt, stand bei der Jungfernfahrt des Melez-Zuges an den Schalthebeln. Fahrt frei für das letzte Viertel im Kulturhauptstadtjahr, in dem die kulturelle Vielfalt des Ruhrgebiets im Mittelpunkt steht. Anlässlich des Promi-Auflaufs am Sonntag auf Gleis 9 im Hauptbahnhof - darunter NRW-Verkehrsminister Harry K. Voigtsberger und Bahnchef Rüdiger Grube - war auch die Kamera-Dichte groß. Esen blieb gelassen. Sein schwarzes Haar komme vom Kohlenstaub, eigentlich sei er blond, scherzte er "Ruhri"-typisch. Seltsamer war da schon, was die Bahnhofsgäste vor der Einfahrt erwartete. "La paloma ohe" klang das Hans-Albers-Lied durch die Bahnhofshalle - gesungen von einer Frau in Begleitung zweier Alphörner, eines Akkordeons und einer Posaune. Auf dem Bahnsteig Tango und Trommeln, die zur Begrüßung des gold-türkisfarbenen Zuges immer lauter wurden. 60 Bahn-Auszubildende hatten die Lok 143 und die fünf Waggons in eine rollende Bühne verwandelt. 2010-Freiwillige in Melez-T-Shirts verteilten Tütchen mit Studentenfutter und Brezeln ans Publikum, während RUHR.2010-Chef Fritz Pleitgen aus dem "Tag der deutschen Einheit" den "Tag der deutschen Vielheit" machte. Voigtsberger nannte den Melez-Zug, der mit mehr als 70 Veranstaltungen im Ruhrgebiet unterwegs ist, "vielleicht den Höhepunkt des Kulturhauptstadtjahrs". [...] "Wir wollen fragen, forschen und feiern mit künstlerischen Mitteln", sagte Asli Sevindim, künstlerische Direktorin von Ruhr 2010. Das Ruhrgebiet sei vielen Menschen aus Süd- und Südosteuropa eine Heimat geworden. Die Frage laute nicht mehr Woher? sondern Wohin?. Es gelte, eine gemeinsame Reise anzutreten."
Neue Ruhr Zeitung, Anne Horstmeier / 04.10.2010Weitere Informationen zu Melez
"Die Idee: Junge Musiker aus aller Welt für drei Tage zusammenbringen. Das von der Förderinitiative "jazzwerkruhr" und "grubenklang.reloaded", dem Jazzprojekt des "domicil" zur Europäischen Kulturhauptstadt, gemeinsam initiierte RUHR.2010-Projekt "new generation" konnte am ersten von zwei Konzertabenden im Jazzclub "domicil" musikalisch durchaus überzeugen. [...] Spannend zu hören, wie sich die elf Künstler auf der Bühne immer wieder in kleinere Formationen aufteilen, um dann verschiedenste Klangwege zu suchen. Ein bluesiges Grundthema vom Essener Saxofonisten Roman Sieweke dient als Sprungbrett für expressive Improvisationen innerhalb des Kollektivs; einer wunderbar getragenen Komposition der vor einigen Jahren vom Ruhrgebiet nach Berlin gezogenen Bratschistin Katrin Mickiewicz fügen die Kollegen individuelle, ins Konzept passende atmosphärische Bausteine hinzu. Und obwohl ganz unterschiedliche Charaktere auf der Bühne stehen, mit der belgischen Vibrafonistin Eis Van Deweyer etwa eine sehr experimentierfreudige Musikerin, die ihr Instrument auch schon mal mit Schlagzeugbesen traktiert, gelingen den erstmals gemeinsam zusammen spielenden Akteuren einige beachtliche Momente. Der Tenor der Beteiligten war einstimmig: Die Musiker äußerten sich in Gesprächen begeistert über diese Möglichkeit des Austauschs."
Recklinghäuser Zeitung, Christoph Giese / 02.10.2010Weitere Informationen zu grubenklang.reloaded
""Bilder einer Metropole. Die Impressionisten in Paris" heißt die neue Großausstellung im Chipperfield-Bau. Zu bewundern sind rund 80 Gemälde von Großmeistern wie Manet, Signac, Bonnard, Degas, Pissarro, Monet und Renoir, aber auch hierzulande weniger prominente Zeitgenossen wie Maximilien Luce oder Norbert Goeneutte, dazu gut 125 Aufnahmen von Fotografen-Großkalibern wie Eugene Atget und Gustave Le Gray. [...] Was mit staunenden Blicken über die Dächer der Metropole beginnt und über Park-Impressionen und an Gasometern, Fabrikhallen, Großbaustellen vorbei durch Cafés und Tingeltangel in die Vororte führt, endet in den Pariser Nächten, pulsierend vor (schließlich elektrischer) Energie, lichterglitzernd und traumschön. Da hätte man den armen Mann beinahe übersehen, dessen Traurigkeit uns Jules Adler genauso vor Augen führt wie den scheelen Blick einer Passantin. Eher selten findet man bei dieser Auswahl in leeren Blicken und fahlen Gesichtern die Schattenseite der modernen Mega-Metropole: die Opfer des Fortschritts, die Spaltung der Gesellschaft, die Oberflächlichkeit, die großen Einsamkeiten inmitten des großen Tanzes der Moderne. Der russische Meister Ilja Repin (1844-1930) zeigt uns eine Gedenkversammlung an der Mauer der Kommunarden auf dem Friedhof Père Lachaise. Die rote Fahne ist unübersehbar. Das letzte große Bild der Schau stammt von André Devambez. Es wurde um 1902 gemalt und heißt "Der Angriff". Wir erkennen darauf im Halbdunkel eine Arbeiter-Demonstration, die in einer Straßenschlacht kulminiert. Am linken unteren Rand stehen derweil feine Herrschaften vor erleuchteten Schaufenstern. Sie drehen dem Geschehen den Rücken zu."
Neue Rhein Zeitung, Jörg Bartel / 01.10.2010Weitere Informationen zu Bilder einer MEtropole - Die Impressionisten in paris
